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Schlaflosigkeit ist zur Krankheit der Nation geworden, der Konsum von Schlafmitteln schnellt in die Höhe. Weshalb wir nicht mehr ruhen können und was es für einen gesunden Schlaf bräuchte.

Jahrelang lang litt Daniela T. unter Einschlafstörungen. Was höchstens 30 Minuten gehen sollte, dauerte bei ihr Stunden. Und damit ist sie nicht allein. In der Schweiz sind Schlafprobleme zur Volkskrankheit geworden. Jeder Fünfte schläft schlecht ein, ein Viertel der Bevölkerung wacht gerädert auf, wie eine Schlafstudie des Matratzenherstellers Bico zeigte.

Schlaf ist überlebenswichtig, sein Entzug eine Foltermethode. Wir alle brauchen ihn, bestenfalls sieben bis neun Stunden die Nacht. Wenig Schlaf gilt als Statussymbol der Erfolgreichen. Gleichzeitig sind Schlafstörungen nach wie vor ein Tabu.

Der Teufelskreis der Schlaflosen 

«Das Schlimmste war der nächtliche Stress», sagt Daniela T. Sie hatte alles probiert: ausreichend Bewegung, keine schweren Mahlzeiten vor dem Zubettgehen. Sie verbannte Handy, Laptop und Fernseher aus dem Schlafzimmer. Vergebens. Die Kirchturmuhr schlug eins, zwei, und Tobler rechnete verzweifelt aus, wie wenig Schlafenszeit ihr noch blieb bis zum Weckerklingeln.

Der Alltag wurde zur Herausforderung. «Ich war ständig müde und lustlos, hatte keine Energie, um irgendetwas zu unternehmen. Stattdessen nickte ich vor dem Fernseher ein.» Ein Jahr lang nahm sie Schlaftabletten, doch ohne gewünschte Wirkung. Sie schlief damit zwar ein, fühlte sich tagsüber jedoch ebenso erschöpft. Je schlimmer der Tag, desto mehr fürchtete sie die Nacht. Ein Teufelskreis.

Leistungsdruck und Säbelzahntiger

Wir schlafen immer schlechter. Unsere Lebensumstände sind die Übeltäter. 

Heute müssen wir rund um die Uhr erreichbar sein und ständig funktionieren.

So haben wir einerseits weniger Zeit zur nächtlichen Erholung, andererseits rauben uns Stress durch Leistungsdruck und ein turbulentes Weltgeschehen wie Pandemie und Krieg den Schlaf.

Der Stress der heutigen Welt also, der bis in den Tiefschlaf sickert und unsere Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Ein Tausende Jahre alter Überlebensmechanismus, der uns im Ernstfall schneller aufputscht als jeder dreifache Espresso. Nur wollen wir im Schlafzimmer der Postmoderne nicht mehr vor dem Säbelzahntiger im Höhleneingang wegrennen, sondern vor den Mails im Posteingang.

Schlafkiller Homeoffice

Wenn wir im Homeoffice plötzlich länger schlummern und den ganzen Tag in Trainerhosen auf dem Sofa sitzen, ist es kaum verwunderlich, wenn wir am Abend nicht müde sind. Die Tagesstruktur fehlt. Immerhin: Zusammen mit der Anzahl Schlafkrankheiten ist auch das Bewusstsein für sie gewachsen. Zum Beispiel für die Schlafapnoe, bei der die Atmung im Schlaf aussetzt. Oft Hunderte Male pro Nacht. Jedes Mal wacht man kurz auf, am Morgen erinnert man sich nicht mehr daran. Rund 20 Prozent der Bevölkerung leiden daran, meist Männer, meist unwissentlich. Oder die Insomnie, die zweithäufigste Krankheit, bei der man nicht ein- oder durchschlafen kann oder zu früh aufwacht. Von ihr sind Frauen doppelt so häufig betroffen.

Von einer chronischen Schlafstörung spricht man, wenn die jeweiligen Probleme einen Grossteil der Woche andauern – und das mindestens drei Monate lang. Der Hausarzt verschreibt zur Symptombekämpfung meist Schlafmittel. Jedes Jahr steigt der Konsum an. Psychische Belastungen der Corona-Pandemie scheinen ihn zu beeinflussen, bestätigt die Präventionsstelle Sucht Schweiz. Auch seien die Anspannungen rund um den Ukraine-Krieg wohl nicht gerade hilfreich.

Weshalb brauchen wir den Schlaf? 

Der Zustand, in dem wir ein Drittel unseres Lebens verbringen, ist überraschend wenig erforscht, die Schlafmedizin ein junges Gebiet. Was die Wissenschaft weiss: Der Körper durchläuft vier Schlafphasen, die er in Zyklen wiederholt. Die Einschlafphase, der leichte Schlaf, der Tiefschlaf sowie der REM-Schlaf, auch Traumschlaf genannt.

Schlafphasen, Bild Helsana

Bild: Schlafphasen; Quelle: Helsana

Der Tiefschlaf ist die beste Medizin: Der Körper regeneriert sich, das Immunsystem bekämpft Viren und Bakterien, beschädigte Zellen werden repariert, Wachstumshormone zur Zellerneuerung gebildet. Erlebnisse und Erlerntes werden ins Langzeitgedächtnis übertragen.

Im REM-Schlaf hingegen schwankt die Herzfrequenz, und der Blutdruck steigt, während wir in dieser Traumphase die Ereignisse des Tages verarbeiten. Schlafen wir langfristig weniger als sechs Stunden pro Nacht, erhöht sich das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Störung zu erkranken. Die Lebenserwartung sinkt.

Menschen mit Schlafstörungen sind kaum erholt und häufig frustriert, dass ihr Leiden, das man ihnen nicht ansieht, oft nicht ernst genommen wird.

Das Schlafrezept 

Neben der körperlichen Müdigkeit braucht es zum Schlafen auch die Schläfrigkeit, erklärt Therapeutin Nager. Dafür greift der Körper in seinen Chemieschrank: Ab dem Aufstehen baut er Schlafdruck auf, zum Beispiel mit dem Hormon Adenosin. Bis die Kurve abends bestenfalls so hoch ist, dass wir einschlafen können. Aus diesem Grund ist es gefährlich, nach der Arbeit auf dem Sofa kurz zu dösen: Gleich nach dem Einschlafen wird der Schlafdruck am schnellsten abgebaut.

Der zweite Schlaf-Faktor ist die innere Uhr. Morgens erhöht sie die Körpertemperatur und schüttet Stresshormone aus. Wir wachen auf. Dieselben Stresshormone können auch bei einer Insomnie (Schlaflosigkeit) ausgeschüttet werden – allerdings bereits in der Nacht. Dabei sollte die innere Uhr zur Schlafenszeit eigentlich so ticken, dass wir Melatonin ausschütten, sich Körpertemperatur und Blutdruck senken und der Schlafdruck mehr Raum erhält. Regelmässige Schlafenszeiten sind für empfindliche Schläfer deshalb besonders wichtig.

Mit Hypnose besser schlafen

Auch Daniela T. hat mittlerweile endlich einen Weg gefunden, ihre Einschlafstörung zu beheben: mit Entspannungsübungen, die sie in der Hypnosetherapie gelernt hat. «Ich habe etwa drei Wochen lang in der Mittagspause auf dem Bürostuhl oder zu Hause vor dem Einschlafen geübt. Mehrmals am Tag, bis es geklappt hat», sagt sie. Das Problem sei, dass wir nur zu gerne hätten, dass jemand anders unsere Probleme löse, sagt die Juristin. «Aber so funktioniert das nicht: Man muss hart an sich selber arbeiten.» Heute schläft sie etwa sieben Stunden pro Nacht. Ob sie gerne noch länger würde? Nein: «Jetzt, wo ich nicht mehr ständig müde bin, will ich schliesslich auch etwas vom Tag haben.»


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